Eine Geschichte zum Innehalten, vielleicht das Richtige in diesen unruhigen Zeiten und im Vorweihnachtstrubel. Mein Beitrag zu Jochen Pippirs wunderbarer Aktion #dastutgut !

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Der Sinn der Dinge



Es war einmal eine Bäuerin, die lebte in einem fernen Land bescheiden auf ihrem Stückchen Erde, das sie zusammen mit ihrem schon erwachsenen Sohn bewirtschaftete. Die beiden hatten gute und schlechte Tage, und sie lächelten gern und wussten die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen - einen Regenbogen, das erste bunte Blatt im Wald, den frischen Duft der Erde nach dem Regen.

Eines Tages riss ihr Pferd aus, das sie zum Ackern brauchten, und verschwand im nahen Wald. Nach stundenlangem Suchen kehrten Mutter und Sohn müde nach Hause zurück. Die Nachbarn kamen und bemitleideten die Bäuerin: “Ach du Arme, nun hast du kein Pferd mehr! Was soll nun nur werden?” Ruhig antwortete die Bäuerin: “Nun ja... und wer weiss, wozu es gut ist?”

Zwei Tage später, im Morgengrauen, ertönte Hufgetrappel auf dem Hof. Die Bäuerin und ihr Sohn, noch im Nachtgewand, liefen hinaus, um zu nachzuschauen, was da vor sich ging. Da sahen sie, dass ihr Pferd wiedergekommen war - und es hatte noch ein zweites Pferd mitgebracht! Froh brachte der Sohn die beiden Pferde in den Stall, fütterte sie und gab ihnen zu trinken.

Die Nachbarn hatten das Getrappel auch gehört und kamen nun und staunten: “Bäuerin, welch ein Glück für euch beide! Nun hast du nicht ein Pferd verloren, sondern sogar eines dazugewonnen!” Die Bäuerin blickte sie an und sagte “Nun ja... und wer weiss, wozu es gut ist?”

Nachdem der Sohn am nächsten Tag mit seinem Pferd die Hälfte des Feldes gepflügt hatte, wollte er das neue Pferd kennenlernen und schauen, wie es sich reiten ließe. Dem neuen Pferd behagte aber der Sattel nicht und es warf seinen Reiter ab. Der junge Mann, sonst so geschickt, fiel unglücklich und brach sich ein Bein.

Die Nachbarn strömten herbei, um zu helfen. Sie trugen den Sohn nach Hause und riefen der Bäuerin zu: “Oje, nun hast du es aber wirklich schlimm getroffen - dein Sohn ist verletzt und kann für Wochen nicht mehr auf dem Hof arbeiten! Was soll nun aus euch werden?” Die Bäuerin lief zu ihrem Sohn und half, ihn ins Haus zu tragen und seinen Bruch zu versorgen. Dann drehte sie sich zu denen um, die ihr die bangen Worte zugerufen hatten: “Wer weiss, wozu es gut ist...”

So gingen einige Tage dahin, an denen die Bäuerin ihren Sohn pflegte und so gut es ging den Hof versorgte. Da kam Kunde vom König: Krieg war ausgebrochen, und alle jungen Männer mussten als Soldaten in den Kampf ziehen.

Am Hof der Bäuerin kamen nun die jungen Rekruten und ihre Eltern vorbei, die sie noch ein letztes Stück begleiteten. Auf dem Rückweg traten sie mit hängenden Köpfen in den Hof der Bäuerin und sagten: “Nun mussten unsere Jungen in den Krieg ziehen. Du hast doch Glück gehabt, Dein Sohn bleibt hier, er ist ja verletzt. “Nun ja” antwortete die Bäuerin “... und wer weiss, wozu es gut ist?”


Nur selten können wir einen Glücks- oder Unglücksfall überblicken. Meist spüren wir erst einige Zeit oder sogar viel später, welchen Sinn er für unser Leben wirklich hatte.